Persönlichkeitseigenschaft Hochsensitivität
Hochsensitivität ist eine charakterliche Grunddisposition,
prägt die Befindlichkeit, das Verhalten, ja das ganze LEBEN der Persönlichkeit.
prägt die Befindlichkeit, das Verhalten, ja das ganze LEBEN der Persönlichkeit.
Der folgende Text entstammt dem Buch: Hochsensibilität, Dagmar Fenner, Schwabe Verlag, 2021. Basel, Schweiz und beleuchtet wesentliche phänomenologische und ethische Überlegungen zur Hochsensibilität. Er gibt sozialethische Impulse zum gesellschaftlichen Umgang mit Andersheit und dient als hilfreiches Hintergrundwissen für Lehrpersonen, Eltern und Fachpersonen, welche sich mit der Thematik der Hochsensibilität im Zusammen- hang mit Kreativität und Begabungsförderung auseinandersetzen möchten/müssen.
Dabei habe ich den Fokus auf folgende fünf, für den Umgang mit Hochsensibilität in unserer Gesellschaft zentralen, Fragestellungen gelegt:
1. Weshalb werden Hochsensible erst heute in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
2. Welche Persönlichkeitsmerkmale zeichnen sie aus?
3. Sind Hochsensible einfach zu wenig anpassungsfähig, um sich der gesellschaftlichen Norm anzupassen oder wollen sie gar Vorteile durch ihr Anderssein erreichen- eine "Extrawurst" bekommen und sind gar selber schuld an ihrer unangepassten Verhaltensweise?
4. Müssen sich Hochsensible an die Gesellschaft anpassen?
5. Oder sollen (müssen) Schule, Eltern, Lehr- und Fachpersonen auf die Bedürfnisse hochsensibler Kinder eingehen? Wenn ja, wie können die Kinder sinnvoll unterstützt und begleitet werden?
Dagmar Fenner ist Titularprofessoring am Departement Künste, Medien, Philosophie der Universität Basel und lehrt Ethik an verschiedenen deutschen Universitäten. Sie ist Autorin zahlreicher philosophischer Bücher, z.B über Glück, Kunst oder Selbstoptimierung und Musikerin (Kontrabassistin).
1. Weshalb werden Hochsensible erst heute "entdeckt"?
Aufgrund der Flut an populärwissenschaftlichen Büchern scheine diese charakterliche Grunddisposition dieser Minderheit unserer Gesellschaft gerade erst entdeckt worden zu sein. Fenner erörtert die Fragen:
Handelt es sich deshalb um eine "Modediagnose"? Und: weshalb werden sie denn erst jetzt entdeckt?
Wie hilfreich ist das steigende Interesse für die Hochsensiblen selbst?
Dazu schreibt sie:
Der einzige Nutzen dieser "Entdeckung" scheine darin zu bestehen, dass sich hochsensible Menschen überhaupt erst als solche wahrnehmen könnten. Erst jetzt würden sie, WESHALB sie anders seien und könnten sich ihr normabweichendes Verhalten nun selbst erklären. Sie erkennen, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Anderssein, was sich für viele Hochsensible als grosse Entlastung erweise.
Dagmar Fenner meint, dass hochgradig Sensible wegen der geringen Belastbarkeit und Stressresistenz kaum ein normales Leben führen könnten ohne ihre physische und psychische Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
Unser immer hektischer werdendes gesellschaftliches Leben sei geprägt von einer Fülle visueller Reize, und einer Flut von Informationen. Da unter den Bedingungen der Moderne die Dichte an Umweltreize und Stressfaktoren durch Informationsflut, ständige Erreichbarkeit und Doppelbelastung von Beruf und Familie erheblich zugenommen habe, entwickelten viele stark Hochsensible im Laufe ihres Lebens verschiedene psychische und psychosomatische Störungen, die Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Lebenszufriedenheit erheblich beeinträchtigten (vgl. Fenner, 2021, S. 134f).
Dieses Faktum schlägt sich in den vermehrten derzeitigen Coaching-Angeboten nieder. (-> es handelt sich also um keine Modediagnose!)
2. Welche Persönlichkeitsmerkmale zeichnen Hochsensibler aus?
Fenner meint, es sei empfehlenswert, wenn Hochsensible ihre eigene neurologisch bedingte Anlage zu akzeptieren lernten, ihre persönlichen Strategien im Umgang damit zu erlernen und ihre Fähigkeiten und Potential zu entdecken. Denn bei Hochsensiblen handle es sich um engagierte, kreative und meist gut bis sehr gut qualifizierten Mitmenschen mit hohen Idealen, die sich aktiv in die Gemeinschaft einbringen und ihren Beitrag zu einer besseren Welt leisten wollten. Dabei seien sie auf für sie günstige Umweltfaktoren angewiesen.
(Fenner, S.136ff): " Eine zentrale Rolle bei der Gestaltung eines gelingenden Welt-Selbst-Verhälnisses spielt die Selbsterkenntnis (...).Für das Glück hochsensibler Personen ist es unter suboptimalen Umweltbedingungen äusserst wichtig, über die Besonderheit ihres empfindlichen Nervensystems Bescheid zu wissen, zu ihrer Eigenart zu stehen und ein daran angepasstes Leben zu führen: Sie müssen sich ihre Umwelt so umgestalten bzw. sich einen Ausschnitt so auswählen, dass sie möglichst wenig Stress, viel Ruhe und Regelmässigkeit und relative Sicherheit haben. (vgl. Parlow, 87). Niemand muss sich "allem aussetzen", weil Vermeidung zu Unrecht als schädliche Strategie diskreditiert wird und die Fähigkeit zur Abgrenzung vielmehr zentraler Bestandteil hochsensibler Lebenskunst darstellt (vgl. Reichhardt, 140.) (...) Unter den für sie ungünstigen modernen Arbeits- und lebensbedingungen dürften Hochsensible aber noch stärker als andere auf ein Zufallsglück im Sinne glücklicher Fügungen wie Zufallsbekanntschaften mit gut vernetzten Personen oder vorhandenen Nischen im ihrem Beruf angewiesen sein."
3. Sind Hochsensible einfach zu wenig anpassungsfähig, um sich der gesellschaftlichen Norm anzupassen oder wollen sie gar Vorteile durch ihr Anderssein erreichen- eine "Extrawurst" bekommen und sind gar selber schuld an ihrer unangepassten Verhaltensweise?
Fenner schreibt: Ein gelingendes Leben basiere auf der Übereinstimmung oder "Passung" von der eigenen Persönlichkeit mit seiner Umwelt.
Aber:
Viele Hochsensible (46 Prozent nach einer Umfrage!) würden unter ihrer Anlage leiden und hätten grosse Mühe, ihren Platz im Leben zu finden.
Des weitern schreibt Fenner, dass Hochsensibilität nicht etwas Störendes, Unangenehmes, oder sogar Krankhaftes sei, das sich durch genügend lange Anpassung an die weniger sensible Mehrheit (dies sei nicht im negativen Sinne, sondern als Gegenüber zu den Hoch-sensiblen zu verstehen) "wegtrainiert" werden könne. Viele Menschen meinten fälschlicherweise, die von psychischen Leiden (Depression, Burnout, ADHS) Betroffenen seien selbst schuld an ihrem Leid und müssten sich nur etwas zusammennehmen, dann wäre alles nur halb so schlimm.
Solange hochsensiblen Personen mit solchen sich hartnäckig haltenden Vorurteilen wie schwachen, defizitären, gering belastbaren und instabilen Personen, begegnet werde, solange könne ihrem stillen Leiden, besonders in unseren Schulen, kaum wirksam begegnet werden.
Hilfreich wäre schon, wenn Eltern, Lehr- und Fachpersonen wüssten, dass es sich bei hochsensiblen Kindern und Erwachsenen um eine Persönlichkeitseigenschaft handle, welche das Handeln und Fühlen einer Person, ja ihr gesamtes Selbstverständnis beeinflusse und umfasse.
Weil die inneren physischen, psychischen oder neurophysiologischen Grundbedingungen der Hochsensiblen ihren Handlungsspielraum einschränken können, sei es deshalb ethisch verwerflich zu sagen: "Jeder ist seines Glückes eigener Schmied" (= gegenwärtiger Trend der Selbstoptimierung):
"Wo eine Analyse der persönlichen Startbediungen und Lebensumstände der Betroffenen ausbleibt, ist der Umkehrschluss des Sprichworts asozial und führt zu einer Verantwortungsreduktion und Ensolidarisierung in der Gesellschaft:
Wer nicht sein Glück macht auf dieser Welt, ist selber schuld und hat sich nicht genug angestrengt!" (Fenner, 2021, S. 132).
Dabei stellt sie fest, dass es auch Hochsensible gibt, welche eine stabile Gesundheit aufweisen und sogar Kraft aus einer sinnerfüllten Arbeit und Lebensgestaltung ziehen könnten.
Meist würden hochsensible Menschen jedoch zwischen den beiden Polen ständiger Reizüberflutung und Überlastung einerseits und einem hochinteressanten, innerlich reichen Leben andererseits hin- und herpendeln.
Weiter schreibt sie (Fenner, S.135): "Unter grossem Termin- und Leistungsdruck verlieren Hochsensible aber rasch ihre Konzentrations-, Denk- und Erinnerungsfähigkeit und arbeiten dann am besten, wenn sie sich möglichst selbständig und intrinsisch in eine Tätigkeit vertiefen können. Sie definieren sich weniger über Verdienst, Erfolg. Prestige und Überlegenheit, sondern primär über ihre Wertvorstellungen und sinnstiftenden Tätigkeiten. Deswegen tun sie sich besonders schwer damit, sich stillschweigend in ein ihnen als widersprüchlich, ungerecht oder unsinnig erscheinendes System einzugliedern. Sie leiden aufgrund ihrer hohen emotionalen Intensität noch viel stärker unter einem Beruf, der ihnen nicht als sinnvoll erscheint und nicht mit ihren persönlichen Idealen und Werten übereinstimmt (vgl. Parlow, 201 ff, Skarics, 45).
4. Müssen sich Hochsensible an die Gesellschaft anpassen?
Da das zentrale Nervensystem für die Abweichungen im Denken, Fühlen und Verhalten von Hochsensiblen verantwortlich ist, liesse sich durch die Einnahme einer Anti-Hochsensibilitäts-Pille eine Anpassung an die externen Anforderungen der Wirtschaft und Gesellschaft erreichen.
Damit würden die Anpassungsschwierigkeiten als ein individuelle oder medizinische Angelegenheit betrachtet (Fenner, S.150).
Es würde sich um eine Medikalisierung handeln, bei welchem psychische, gesellschaftliche und politische Probleme als medizinische Probleme definiert werden, mit dem Zweck einer einseitigen Anpassung der Hochsensiblen an äussere Anforderungen.
Würde man hingegen Hochsensibilität als Behinderung einstufen, müssten aus Solidaritäts- und Gerechtigkeitsgründen die gegenwärtigen Arbeits- und Lebensbedingungen "an die Menschen angepasst werden, weil erst diese die nicht der Norm entsprechenden Individuen "behindern" oder krank machen."
Dabei sei es ratsam, wenn Hochsensible ihre Hochsensibilität in ihrem beruflichen Umfeld nicht öffentlich machten, denn so komme die Erwartungshaltung zum Ausdruck, dass gefälligst das Umfeld auf die Hochsensiblen Rücksicht nehmen und sich ihnen anpassen solle.
Fazit:
Da nicht nur hochsensible Menschen, sondern auch viele Politiker und Manager in unserer hektischen Welt vermehrt ein Burnout erleiden, könnten hochsensible Menschen mit ihrer hohen Reizempfindlichkeit in ihrer Rolle als Seismographen, Warner und Ratgeber wichtige Anstösse geben, um menschfreundliche Arbeits- und Lebensbedingungen für alle zu schaffen (vgl. Hensel, 219).
"Daher muss von der anderen Seite her die Gesellschaft für soziale Inklusion sorgen und die bestehenden Strukturen so gestalten, dass alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Einschränkungen von der Gesellschaft akzeptiert werden und an ihr teilhaben können.(...) Jedes Individuum soll als gleichwertig betrachtet und nicht dazu gezwungen werden, nicht erreichbare Normen zu erfüllen. Denn ein unangemessener Normalitätsdruck kann dazu führen, dass Menschen ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung als Basis eines guten und glücklichen Lebens verlieren." Ebenso bewirkt ein grosser Normalitätsdruck die Erfahrung sozialer Ausgrenzung und des Nichtverstandenwerdens vom sozialen Umfeld. So meinen viele Hochsensible "nicht in Ordnung" zu sein und kämpfen ein Leben lang um ihre Selbstachtung.
Zusätzlich brauche es auch gesellschaftliche Diskussionen über institutionelle strukturelle Rahmenbedingungen, von welchen schliesslich alle profitieren könnten.
"Hochsensible leiden darunter, aufgrund einer vom Durchschnitt abweichenden Reizverarbeitung ihres Nervensystems nicht so leben und arbeiten zu können wie andere und dennoch ständig mit für sie schwer erfüllbaren äusseren Anforderungen konfrontiert zu werden." (Fenner, S. 162)
Es ist für Normalsensible nur schwer nachvollziehbar, in welcher Intensität Hochsensible die Welt wahrnehmen und was sich in ihrem Kopf abspielt. (Fenner, S. 164).
Postulat:
Aus sozialethischer Perspektive brauche es den Respekt vor dem Andersein. Voraussetzung hierzu bilde das Erkennen und Akzeptieren anderer Wahrnehmungs-, Denk- und Erlebnisweisen. Zusätzlich müsse Politik und Gesellschaft durch aktives Umgestalten der Lebens- und Arbeits-bedingungen auch hochsensiblen Menschen ein gesundes Leben ermöglichen, da sie unverschuldeterweise mit Einschränkungen leben müssten.
"Eine langfristige Verbesserung ihrer Chancen auf ein gutes und glückliches Leben kann daher nicht durch Anpassung an ein System, sondern nur durch die UMWERTUNG DER WERTE erzielt werden. (...) Es geht vielmehr um den bereits im Gang befindlichen Wertewandel weg von aussenorientierten Werten wie kommerzieller und kurzfristiger Erfolg, Steigerung um jeden Preis und Mehr-haben-Wollen in Konkurrenz mit anderen hin zu mehr Lebensqualität für alle Menschen auf der Welt, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit im Umgang mit natürlichen Ressourcen." (Fenner, S. 171)
Aus all den genannten Gründen sowie aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrung stehe ich ganz hinter Fenners Aussage:
"Niemand darf für sein Unglück oder seine mangelnde Leistungsfähigkeit verantwortlich gemacht werden, ohne nach den Ursachen und Quellen zu fragen und danach, wie ein Mensch zu dem geworden ist, was er ist." (Fenner, S168, 169)
Dies gilt in besonderem Masse für unsere Kinder, Schüler und Schülerinnen.
Konsequenzen für das hochsensible Kind in unserer Schule
5. Sollen (müssen) Schule, Eltern, Lehr- und Fachpersonen auf die Bedürfnisse hochsensibler Kinder eingehen? Wenn ja, wie können die Kinder sinnvoll unterstützt und begleitet werden?
Wenn man weiss, dass die Umwelteinflüsse in den ersten Lebensjahren für die Entwicklung eines Menschen entscheidend sind (vgl. Wettig, 2298), dann wird verständlich, welche schädigende Auswirkung auf ein harmonisches Welt-Selbst-Verhältnis der Zwang zur Anpassung an die anderen auf ein hochsensibles Kind hat.
Stösst ein solches Kind mit seiner andersartigen Veranlagung auf Unverständnis und wird mit ständigen Sprüchen konfrontiert, dann werden in seiner Kindheit bereits die Weichen dafür gestellt, ob es seinen Mitmenschen vertrauen wird oder ängstlich und schüchtern wird, weil es die Umwelt als bedrohlich erlebt.(Fenner, S.134).
Nach verschiedenen Studien entwickeln hochsensible Menschen mit einer belastenden Kindheit oft Depressionen oder Angstzustände.
Fenner schreibt, dass es insbesondere hochsensible Jungen in unserem Kulturkreis schwer hätten, weil von ihnen noch viel mehr als von Mädchen Kampfgeist, Unerschrockenheit und Durchsetzungswille erwartet werde.
Nach Aron und Hensel stellten Krankheiten, Todesfälle, schwelende Konflikte, sozioökonomisch instabile Verhältnisse oder Gewalt und Übergriffe in der Familie für hochsensible Kinder noch grössere emotionale Belastungen dar, als für normalsensible, und nur wenigen dürften solche leidvollen Erfahrungen erspart bleiben.
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www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/dagmar-fenner-philosophin-man-muss-hochsensible-nicht-in-watte-packen |